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<  Aufnahmen  ~  Aus der Frühzeit des Cembalos...

BeitragVerfasst: Mo 23. Nov 2009, 19:02
MaestroMaestroRegistriert: Di 16. Jun 2009, 10:42Beiträge: 179
Hallo zusammen,

habe beim Stöbern etwas - zumindest für mich - Neuartiges, Faszinierendes aus der Frühzeit des Cembalos ("clavisimbalum") entdeckt und wollte Euch daran teilhaben lassen: Tasto solo, ein Ensemble, das sich um die mittelalterliche Tastenmusik bemüht, unter anderem mit Portativ und dem erwähnten clavisimbalum, das augenscheinlich nach dem berühmten Traktat von Henri Arnaut de Zwolle (um 1440) nachgebaut wurde.

Hier die Website (mit kleinen Hörproben): http://www.tastosolo.com/
Bei myspace gibt es noch mehr Musikaufnahmen von diesem Ensemble: http://www.myspace.com/tastosolo

Besonders faszinierend finde ich den expressiven Klang des Portativs.

Gruß, Clavierfan


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BeitragVerfasst: Do 29. Jul 2010, 15:51
BenutzeravatarMaestroMaestroRegistriert: Do 14. Mai 2009, 10:31Beiträge: 199Wohnort: 53639 Königswinter (NRW)
Hallo Clavierfan,

ich habe letzte Woche in "BR-Klassik" einen Mitschnitt von "Tasto Solo" aufgenommen. Im Rahmen der Konzertreihe "Musica Antiqua", veranstaltet vom Bayerischen Rundfunk – Studio Franken in Kooperation mit dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg.
Im Mittelpunkt stand Musik um Conrad Paumann und die deutsche Tasteninstrumenten-Schule um 1500, ein Produktion, die das spanische Ensemble "Tasto Solo" auch beim belgischen Label "passacaille" unter dem Titel "Meyster ob allen Meystern" veröffentlicht hat.
Ich hatte einige Stücke schon im WDR 3 gehört und auch der Deutschlandfunk hat schon eine ausführliche Sendung gebracht.
Kurzum, auch ich muss sagen, ich bin begeistert und träume schon davon, das dieses Ensemble eines Tages bei den Lenneper Cembalotagen auftritt. Hoffe also, dass einer der Veranstalter den Artikel (zufällig) liest.

Immerhin kann man davon ausgehen, dass wir uns hier am Beginn vor allem der Cembalomusik (Clavisimbalum) befinden. Aufregend dabei ist, dass schon zu C. Paumann's Zeit in ähnlicher Formation musiziert worden ist, wie es Tasto solo es jetzt praktiziert.

Zitat (Ausschnitt) aus einer Sendung des DLF:

Das Buxheimer Orgelbuch und das Lochamer Liederbuch gehören zu den wichtigsten Quellen für die Instrumentalmusik des 15. Jahrhunderts. Dem Ensemble "Tasto Solo" gelingt auf der CD "Meyster ob allen Meystern" eine angemessene musikalische Umsetzung der musikhistorischen Schriften.
Vordergründig spektakulär ist diese CD nicht, aber dennoch ist die Produktion, die das vierköpfige Ensemble "Tasto Solo" vorstellt schon sensationell. Hier erhält Instrumentalmusik des Mittelalters ein ganz neues Klanggewand, das zum einen durch die Kombination nahezu "unerhörter" Instrumente entsteht, zum anderen durch die gekonnte Improvisationspraxis der Musiker zuweilen ganz modern klingt.

Das Buxheimer Orgelbuch und das Lochamer Liederbuch gehören zu den wichtigsten Quellen für die Instrumentalmusik einer Zeit, die, im Unterschied zur vorherrschenden Vokalmusik, bis dahin kaum richtig aufgeschrieben, sondern zumeist mündlich tradiert wurde. Musikhistorisch sind diese Handschriften, die in den Staatsbibliotheken von München und Berlin liegen, inzwischen aufgearbeitet, doch gab es bislang, so Guillermo Pérez, Leiter von "Tasto Solo", kaum eine angemessene musikalische Umsetzung.

Im Lochamer Liederbuch, das zwischen 1452 und 1460 datiert ist, sind 50 ein- bis dreistimmige Lieder in verschiedenen Varianten enthalten, die hauptsächlich von
Frater Jodocus von Windsheim aufgeschrieben wurden. Den Namen erhielt die Handschrift nach einem ihrer ersten Besitzer, dem Nürnberger Patrizier Wolflein von Lochamer.

Diese Liedersammlung, in der Stücke teilweise konkret spätmittelalterlichen Autoren zugeordnet werden können, dokumentiert das Entstehen weltlicher Lieder gegenüber den geistlichen Gesängen. In diesem Liederbuch gibt es auch einen Instrumentalteil, und das sind die 31 Orgeltabulaturen, die Conrad Paumann zugeschrieben werden und die sich auch unter dem Titel "Fundamentum organisandi" ebenso im Buxheimer Orgelbuch befinden. Dieser Codex ist um 1460, 1470 entstanden und gilt mit seinen 256 Originalkompositionen und Bearbeitungen verschiedener Komponisten der Zeit als die wichtigste Quelle an Musik für Tasteninstrumente. Betrachtet man diese vielfältigen Kompositionen, die ja nur einen kleinen Einblick geben können, so kann man erahnen, wie komplex die Musik der Zeit gewesen sein muss. Die Orgel war dabei noch nicht als Kirchenmusikinstrument spezifiziert und es wurden darauf zum Beispiel auch Liedbearbeitungen gespielt.

Das Ensemble "Tasto Solo" hat sich auf seiner Aufnahme bewusst für eine kleine gotische Orgel und ein Organetto entschieden und nicht für eine große gotische Orgel, wie es sie zum Beispiel in St. Lorenz in Nürnberg gab.
Das Ensemble "Tasto Solo" hat sich auf seiner CD mit Musik für Tasteninstrumente aus dem 15. Jahrhundert, mit Stücken aus dem Buxheimer Orgelbuch und dem Lochamer Liederbuch, ein Instrumentarium zusammengestellt, wie es selbst so in der Alte-Musik-Szene einzigartig ist. Der Leiter des Ensembles, Guillermo Pérez, spielt Organetto, David Catalunya Clavisimbalum - die erste bekannte Frühform eines kleinen Cembalos mit nicht dämpfbaren Metallsaiten. Mit dabei sind auch noch Andrés Alberto Gómez mit der gotischen Orgel und Reinhild Waldek mit der gotischen Harfe.

Im Zusammenspiel ergeben sich ganz unterschiedliche, vielfältige Klangfarben und die gekonnte Improvisationskunst der Musiker tut ein übriges dazu, dass diese Musik ganz fremdartig und entrückt aber gleichzeitig auch zeitlos modern klingt. Die instrumentale Kultur des späten Mittelalters wieder zu beleben, das ist ein erklärtes Hauptziel des Ensembles, wobei immer ein Austausch zwischen theoretischer Betrachtung und praktischer Erprobung stattfindet.

Die Musikwissenschaftler haben die Quellen bisher überwiegend unter dem Gesichtspunkt
"Vorform der Orgelmusik" betrachtet, als, so Pérez, "ersten, zaghaften Gehversuch eines noch jungen, unerfahrenen Genres", doch eine "frische Betrachtung hingegen zeige, dass hier Dokumente das Glück hatten, die Zeit zu überdauern, die wie aus dem Wasser ragenden Spitzen von Eisbergen nur erahnen lassen, welch gewaltige Massen sich unter der Oberfläche verbergen", die also nur einen kleinen Einblick in die verklungene Praxis eines im 15. Jahrhundert florierenden "fertigen" Stils geben können. Und so hofft Pérez, dass diese "neue Art der Beschäftigung Früchte tragen wird und der historischen und künstlerischen Bedeutung dieser Quellen gerecht wird".
"Meyster ob allen Meystern", so heißt die Produktion des jungen spanischen Ensembles, das 2006 als Gewinner des International Young Artist Alte-Musik-Wettbewerbes während des Festival "Laus Polyphoniae" in Antwerpen hervorging und seitdem ein gern gesehener Gast bei den wichtigsten Festivals dieses Genre in Europa ist.

Gewidmet ist die CD Conrad Paumann, der als einer der wichtigsten deutschen Musiker des 15. Jahrhunderts gilt. Nimmt man sein wahrscheinliches Geburtsjahr 1409, so wäre das sozusagen eine Hommage an seinen 600. Geburtstag. Paumann war von Geburt an blind, wirkte in Nürnberg als Organist an St. Sebald und als Stadtorganist, ging um 1450 nach München an den Hof der Herzöge Ernst und Wilhelm III. sowie Albrecht III. Er war zwar als Hoforganist angestellt, muss aber wohl eine Vielzahl an Instrumenten gespielt haben, wie ein Relief in der Münchner Frauenkirche zeigt, auf der er mit Laute, Blockflöte, Harfe, Fidel und Portativ-Orgel abgebildet ist. Über sein Amt hinaus war er auch ein gesuchter Orgelsachverständiger und unternahm viele Auslandsreisen.

Der "kunstreichste Meister aller Instrumente", "Il cieco miracoloso", "Der wunderbare Blinde", wurde in Italien sogar zum Ritter geschlagen und vergeblich versuchte der Hochadel in Mailand und Neapel, ihn an seine Höfe zu ziehen. In den letzten Lebensjahren wirkte Paumann, der auch wegen seiner Improvisationskunst berühmt war, als Organist der Münchner Frauenkirche.
Zitatende

Ich bin schon gespannt auf die nächsten Projekte dieses Ensembles.

Gruß
francesco da zappa


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